(Online)Turniere - Auswahl und Strategie
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Es folgt ein Gastbeitrag von Mathias. Viel Spaß beim Lesen!
Vorwort: Der folgende Beitrag behandelt ausschließlich die Variante No Limit Hold´em. Ich schreibe diesen Beitrag für Einsteiger und leicht fortgeschrittene Spieler.
Der Unterschied zwischen Turnieren und Cashgame sollte jedem bekannt sein. Bei einem Turnier zahlen alle Spieler einen festgelegten Betrag (Buy in). Die Summe daraus lässt den sogenannten Preispool entstehen. Je nach Höhe des Buy in und Anzahl der Spieler kann so ein kleiner, oder auch ein riesiger Preispool entstehen. Im Internet gibt es zahlreiche Varianten von Turnieren. Unter anderem:
Heads up Turniere
Hier wird 1 gegen 1 gespielt, meist ist nach einer Partie Schluss und wenn man gewinnt erhält man das doppelte vom Buy in. Auch im Angebot sind Heads up Turniere mit mehr als 2 Spielern. Dabei wird nach dem ko System gespielt, bis am Ende der Gewinner feststeht.
Sit & go
Diese Turniere haben keinen bestimmten Startzeitpunkt. Sie beginnen, wenn die vorgeschriebene Anzahl an Spielern registriert ist. Sit & go´s werden als Single-Table-Tournaments angeboten (bis 10 Spieler), oder auch als MTT mit mehr als 10 Spielern.
Der Vorteil daran ist, dass man meist nicht lange warten muss, bis ein neues Turnier beginnt.
Multi-Table-Tournaments (MTT)
Das Turnier hat einen festen Startpunkt. Bei diesen Turnieren (MTT) ist die Anzahl der Mitspieler oft bedeutend höher als bei Sit & go´s. 10.000 Teilnehmer und mehr sind keine Seltenheit. Der Effekt ist natürlich ein (je nach Buy in) deutlich höherer Preispool als bei anderen Varianten.
ReBuy Turniere
Bei Rebuy-Turnieren kann sich der Spieler, bis zu einem bestimmten Zeitpunkt (meist die erste Stunde), zurück in das Turnier kaufen, falls er vorher all seine Chips verloren hat. Das ganze kann er so oft tun wie er will, bzw. so oft er all seine Chips verloren hat. In der ersten Pause wird öfter ein "Add On" angeboten. Hier kann sich jeder Spieler noch einmal eine bestimmte Anzahl an Chips hinzu kaufen.
Turnierauswahl
Die Auswahl des passenden Turnieres ist wichtiger als viele Spieler glauben. Die Wahl sollte nach folgenden Kriterien stattfinden:
Zeit
Erst mal begonnen, kann ein Turnier im besten Falle mehrere Stunden dauern. Dies sollte man vorher wissen. Wer also nur 1-2 Stunden Zeit hat, ist wohl besser mit einem Platz am Cashgametisch beraten. Hier kann man einfach jederzeit aufstehen. In einem Turnier ist dies nicht der Fall.
Wie lange ein Turnier dauert, hängt natürlich von der Anzahl der Mitspieler und des Turnierverlaufes ab. Bei Sit & go Turnieren kann man einfach eine Lobby von einem (oder bessere mehreren) bereits abgelaufenem Turnier der selben Art (gleiche Spielerzahl) öffnen, meistens laufen die Turniere IN ETWA gleich lang. Bei großen Turnieren mit mehr als 1000 Spielern sollte man durchaus 6 Stunden oder sogar mehr einplanen.
Fazit: Auf JEDEN Fall GENUG Zeit mitbringen!
Buy in
Die Höhe des Buy ins sollte man in jedem Fall im Sinne des Bankrollmanegements wählen! Wer sich mit Turnieren eine Bankroll aufbauen will, benötigt eine ungleich höhere Einlage als eine Bankroll die nur für Cashgame gedacht ist.
Eigener Spielstil
Ein extrem wichtiges Kriterium ist der eigene Spielstil. Die Aufteilung erfolgt hier in zwei grobe Kategorien. Eher Tight aggressive/passive (spielt nur wenig Hände), oder eher Loose aggressive/passive (spielt eher mehr Hände).
Tight aggressive/passive Spieler sollten bei der Turnierauswahl auf die Punkte "Anfangsstack" und "Blindstruktur" achten. Der Anfangsstack (die Anzahl an Chips mit der jeder Spieler beginnt) sollte so hoch wie möglich sein. Am besten sind die sogenannten "DeepStack" Turniere geeignet. Teilweise liegt hier der Anfangsstack bei 5000 Chips und mehr. Mehr Chips zu Beginn des Turnieres lassen einem tighten Spieler mehr Zeit auf eine gute Starthand zu warten, und da er weniger Hände spielt, wird er diese Zeit brauchen. Die Blindstruktur sollte, aus dem eben genannten Grund, so langsam wie möglich ansteigen. Die Blinds sind in Level unterteilt und steigen im Turnierverlauf in einem bestimmten Zeitrythmus immer weiter an. Die Zeit bis zum nächsten Anstieg sollte so lang wie möglich sein. In der Regel steigen die Blinds in Online Turnieren aller 5 / 10 / 15 oder sogar nur alle 30 Minuten. Auch hier gilt: längere Level bedeuten mehr Zeit auf die gute Hand zu warten.
Loose aggressive/passive Spieler können etwas freier wählen. Für sie kommen auch die sog. "Turbo" Turniere in Frage. Bei Turbo Turnieren steigen die Blinds deutlich schneller als normal und der Anfangsstack liegt meist bei ca. 1500 Chips. Der Loose Spieler braucht in der Regel etwas weniger Zeit um "gut ins Turnier zu kommen". Er spielt mehr Hände, daher kommen ihm die schnelleren Level eher entgegen. Natürlich können Loose Spiele auch ein Turnier mit großem Stack und langen Leveln wählen. Einem Tight aggressive/passive Spieler würde ich allerdings vom Gegenteil abraten.
Strategie
Die folgende Strategie ist für die Gruppe der Tight aggressive Spieler gedacht. Natürlich werden erfahrene Spieler davon abweichen. Ich selbst spiele ein Turnier auch nicht immer gleich. Mal spiele ich extrem tight, mal sehr loose. In den meisten Fällen halte ich mich allerdings an folgende Grundlagen:
Die Anfangsphase
Zu Beginn des Turnieres spiele ich wirklich nur die besten Hände. Nur in Ausnahmefällen investiere ich Geld in eine Hand, die nicht unter die Top 6 der Starthände fällt. Mein Hauptaugenmerk liegt erstmal auf den Spielern, um sie genauer einzuschätzen. Dazu nutze ich die ersten Runden des Turniers. Meist kann man nach einer halben Stunde schon gut einordnen, ob ein Spieler eher tight, oder eher loose spielt. Vielleicht sitzt auch ein Maniac am Tisch. Falls Ihr keine Zusatzsoftware benutzt, empfehle ich euch Notizen über die Spieler zu machen. Wenn ein Spieler öfter mit suited connectors (SC) in den Pot limpt, wird er das später auch noch machen. Es ist ein großer Vorteil, wenn Ihr diese Informationen sammelt. Später im Turnier (oder beim nächsten Turnier) können sie sehr viel Wert sein!
Ich versuche also ein Gespür für den Tisch zu bekommen. Wird der Pot regelmäßig Pre Flop erhöht? Limpen viele Spieler? Verteidigen die Spieler ihre Blinds? Versuchen Spieler ständig Blinds zu stehlen? Auf all diese Dinge achte ich zu Beginn mehr, als dass ich selbst ins Geschehen eingreife. Falls ich dann eine Top Hand bekomme kann ich all diese gesammelten Informationen nutzen, um einen großen Pot zu gewinnen. Man hat oft die Gelegenheit in der ersten Stunde in nur einer Hand seinen Stack zu verdoppeln.
Aber Achtung: Habt Geduld und wartet ab! Wenn Ihr nach einer Stunde immer noch die gleiche Anzahl an Chips habt wie zu Beginn ist das völlig ok! Man sollte auf keinen Fall versuchen "auf Teufel komm´ raus" zu verdoppeln. Wenn zum Beispiel der Maniac am Tisch zum dritten mal in Folge Pre Flop all in geht und Ihr haltet AJ oder AQ - legt es ab! Auch er kann mal eine Top Hand erwischen die eurer überlegen ist. Wenn Ihr hier callt habt ihr meist einen Coin Flip oder sogar schlechter. Eine 50/50 Chance in der ersten Stunde? Ok, wenn ihr noch zum golfen mit Phil Ivey verabredet seit...ansonsten: Nein, danke
Also, für die erste Stunde gilt: Beine hoch und Geduld haben!
Phase 2
In der zweiten und dritten Stunde geht es darum seinen Stack langsam aber sicher zu erhöhen. Dazu werde ich etwas aggressiver in meiner Spielweise. Ihr solltet mittlerweile alle Spieler in eine Kategorie einteilen können (tight/loose, aggressive/passive). Falls Ihr an einen neuen Tisch versetzt werdet, nutzt die ersten Runden um wieder Informationen zu sammeln.
Eine weitere wichtige Information zu diesem Zeitpunkt: Die Anzahl der Chips! Gegner mit deutlich mehr Chips solltet Ihr nur mit einer starken Hand angreifen. Sie können sich leisten mehr zu callen. Daher würde ich keinen Bluff gegen den Big Stack spielen. Bei Gegnern mit sehr wenig Chips müsst Ihr immer damit rechnen, dass sie All in pushen. Das alles sollte euch vorher bewusst sein.
Ziel in dieser Phase ist es immer minimum 20 - 30 BB zu haben. Jetzt spiele ich auch mittlere SC, kleine und mittelhohe Pocket Pairs und hohe Bildkarten (z.Bsp. KQ). Dabei achte ich auf zwei Dinge: Ich lege sehr großen Wert auf Position und wenn ich der erste im Pot bin erhöhe ich IMMER! Das mache ich, um meinen Gegner so wenig wie möglich Informationen über meine Starthand zu geben. Ich erhöhe mit 8♦9♦ aber auch mit A♦A♠. Je später meine Position, desto mehr Hände erhöhe ich, wenn noch kein Spieler in den Pot eingestiegen ist. Meine Erhöhung liegt dabei meist bei 3-4 BB. Wenn ein Spieler immer wieder versucht meine Blinds zu stehlen, werde ich das mit gezielten Raises verhindern. Wenn ich am Button sitze und noch kein Spieler eingestiegen ist, versuche ich z.Bsp. mit allen Ax und Kx Kombinationen die Blinds selbst zu klauen. Aber auch hier gilt immer noch Vorsicht: Mehr als 30% meines Stacks investiere ich selten in eine Hand. Außerdem gewinne ich den Pot lieber direkt nach dem Flop als nach Slowplay festzustellen, dass mich der Gegner mit dem River doch noch überholt hat. Lieber viele kleine Pots gewinnen als einen großen verlieren. Falls ich in einer Hand extreme Gegenwehr meines Gegners spüre, lege ich sie ab. Meist halten die Spieler in dieser Phase genau die Hand, die sie auch repräsentieren. In der 3. Spielstunde kommt man meist dem Preisgeld schon sehr nahe. Die sogeannte "Bubblephase" beginnt.
Das Spiel auf der Bubble
Kurz vor den Preisgeldplätzen hoffe ich genügend Chips zu haben, um jene Spieler anzugreifen, die das nicht von sich behaupten können. Viele Spieler (mit sehr wenig Chips) werden keine Gegenwehr mehr zeigen, weil sie sich in das Preisgeld retten wollen. Das nutze ich natürlich aus. Ich stehle die Blinds und setze sie auf einem Flop den ich nicht 100% verpasst habe direkt all in. Natürlich passiert es auch, dass ein Short Stack mit AA callt und ich einen Teil meiner Chips verliere. Das ganze mache ich daher auch nicht bei Gegnern, die gleichviele, oder sogar mehr Chips als ich selbst haben. In der Regel lohnt sich hier die aggressive Spielweise gegenüber den Spielern mit weniger Chips als man selbst hat. Sie haben Angst aus dem Turnier auszuscheiden und werden daher den Einsatz nur mit der besten Hand callen. Diese werden sie allerdings nur selten halten.
Im Preisgeld angekommen
Einmal in den bezahlten Rängen gelandet, werde ich noch einen Tick aggressiver! Ich gehe jetzt deutlich mehr Risiko ein als vorher. Der Grund ist die "Payoutstruktur" der meisten Turniere. Oft werden die besten 15% bezahlt. Ein richtig lohnendes Preisgeld gibt es allerdings erst unter den ersten 10 Plätzen. Dazu ein Beispiel:
Bei einem Turnier mit $11 Buy in und 1960 Spielern werden die ersten 288 Ränge bezahlt. Platz 288 bekommt $17,64. Platz 28 bekommt $37,24. Platz 10 bekommt $166,60. Platz 1 bekommt $3234,00!
Wie man sieht macht es kaum einen Unterschied, ob ich an Platz 288 oder erst an Platz 28 ausscheide. Von der Platzierung her eine ganz schön große Differenz, aber nur ca. $20 mehr. Das ist der Grund für die aggressive Spielweise, wenn man erst mal im Preisgeld angekommen ist. Das Ziel ist jetzt einzig und allein mit so vielen Chips wie möglich an den Final Table zu kommen. Dafür nehme ich dann auch das Risiko in Kauf, an Platz 288 mit einem Moove auszuscheiden. Besser als sich bis zu Platz 28 "zu folden" und dann von den Blinds aufgefressen zu werden.
Final Table
Am Final Table nehme ich dann wieder den Fuß vom Gas. Denn hier kann schon mal eine einzige Platzierung nach vorn einen großen Unterschied im Portemonnaie machen. Sicher, das Ziel ist jetzt das Turnier zu gewinnen. Aber ein bisschen weniger Risiko und ein paar Spieler, die vor mir ausscheiden, sind mir auch ganz recht
Ich versuche mich an die "Regeln" aus Phase 2 zu halten. Allerdings gilt zu beachten, dass an einem Final Table deutlich mehr Pre Flop all in Situationen entstehen als sonst. Ein all in zu callen ist ganz klar schwieriger als selbst all in zu pushen. Für einen Call braucht man eine wirklich starke Hand. So lange ich nicht short stacked bin und noch mehr als 3 Spieler am Tisch sitzen versuche ich ohne Pre Flop all ins weiter zu kommen. Sicher kann man sich diesem Problem nicht ganz entziehen und so entscheidet oft das Glück über die ersten Plätze in einem Turnier. Wenn zum Beispiel nur noch 3 Spieler am Tisch sitzen, ich im BB mit AJ sitze und der SB pusht all in, werde ich natürlich callen. Wenn er dann AK zeigt, ist das eher Pech als schlecht gespielt. Um ein größeres Turnier zu gewinnen, braucht es in der ein oder anderen Hand das nötige Quentchen Glück. Ich glaube ohne das schafft man es nicht.
In diesem Sinne....beim nächsten Turnier wünsche ich euch ein "glückliches Händchen"
Euer Bubbleboy!
P.S.: Anregungen, Kommentare und Kritik sind wie immer erwünscht!!
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